Gedanken der Generation Y – Carina Hein : “Was ist Glück für dich?”

Carina Hein über Glück

Als mein lieber Freund Michael Wurster mir diese Frage gestellt hat, habe ich gedanklich erst einmal ein wissendes Lächeln aufgesetzt und fleißig genickt. Na klar! Glück ist doch eindeutig, wenn man alles hat, was man will. Reichtum, Geld, Dinge, die man sich schon immer gewünscht hat, den Urlaub, den man schon immer einmal machen wollte. Vielleicht eine glückliche Beziehung mit dem allseits berühmten Mister Perfect, die Liebe zu einem Haustier, zu guter Letzt, wie wäre es mit dem Weltfrieden?

Nun, sehr schnell bin ich ins Stolpern gekommen. Würde es mich tatsächlich glücklich machen, wenn ich mir endlich alles leisten könnte? Was ist Glück eigentlich und wann empfindet man wahres Glück, wann einfach nur Freude?

 

Schauen wir uns einmal an, was der Duden zum Thema „Glück“ zu sagen hat:

 

Bedeutungsübersicht

etwas, was Ergebnis des Zusammentreffens besonders günstiger Umstände ist; besonders günstiger Zufall, günstige Fügung des Schicksals, das personifiziert gedachte Glück; Fortuna

 

angenehme und freudige Gemütsverfassung, in der man sich befindet, wenn man in den Besitz oder Genuss von etwas kommt, was man sich gewünscht hat; Zustand der inneren Befriedigung und Hochstimmung

einzelne glückliche Situation; glückliches Ereignis, Erlebnis

 

Aha. Glück ist also abhängig von äußeren Umständen, von Besitztum und von Genuss – laut Duden. Es ist also eigentlich genau das, was ich oben schon beschrieben habe. Doch immer noch stellt sich mir die Frage, ob dies denn tatsächlich das reine Glück ist, oder, besser gesagt, was Glück eigentlich für mich ist.

Jeder Mensch empfindet Glück anders; ein Milliardär beispielsweise empfindet es vielleicht als Glück, nicht (mehr) unter Verfolgungswahn zu leiden, denn er könnte ja all sein Geld und damit seine Macht verlieren. Ein anderer empfindet es als Glück sich einmal im Monat ein Essen außerhalb leisten zu können. Wiederrum andere Menschen schätzen sich glücklich nicht in einem Kriegsgebiet leben zu müssen oder wie 90% der Menschen um sie herum zu verhungern.

 

Neulich war ich bei einem Konzert, bei dem verschiedene Rock-Sänger zusammen mit einem Klassik-Orchester aufgetreten sind. Es handelte sich hierbei um alte Rocklegenden, vorrangig aus den 70er und 80er Jahren. Die Dame mittleren Alters, die neben uns saß, war nur wegen eines einzigen der fünf Künstler gekommen und hatte sich seit Wochen oder gar Monaten auf diesen Abend gefreut, endlich ihr Jugendidol live zu sehen. Ausgerechnet dieser Rockmusiker streifte während seines Auftritts durch die Stuhlreihen und gab unzähligen Besuchern die Hand (welch „günstige Fügung des Schicksals“!). Letztendlich stieg er auch über unsere Stuhlreihe hinweg, einen knappen Meter von besagter Frau entfernt. Er streckte seine Hand in alle Richtungen – kurzerhand haben wir die Frau gepackt und an uns vorbei geschoben. So konnte Sie ihrem großen Idol einmal im Leben die Hand geben! Ich glaube, ich habe lange nicht mehr einen so glücklichen Menschen gesehen. War dies das reine Glück? Aber nur für diesen Moment und für später nur mehr in einem Fetzen Erinnerung?

 

Wenn ich mich so in der Welt umsehe, sind viele Menschen äußerlich betrachtet glücklich oder haben kleine Glücksmomente, wie die Frau auf dem Konzert. Führen ein angenehmes Leben, haben den perfekten Partner gefunden und setzen sogar Kinder in die Welt. Doch hat nicht jeder sein Päckchen zu tragen? Etwas, dass dann doch einen grauen Schatten auf die allgemeine „freudige“ Gemütsverfassung wirft?

 

Meiner persönlichen Auffassung nach würde ich mich nicht als glücklich bezeichnen, wenn ich endlich all die Dinge besäße, die ich schon lange haben wollte. Denn leider, und so ist der Mensch, gibt man sich mit dem was man hat in den seltensten Fällen zufrieden. Gerade in meiner schon viel durchleuchteten Generation Y ist das Streben nach immer mehr, immer weiter, immer höher bezeichnend.

 

Doch warum ist dies so? Nun, wir alle sind in dem festen Glauben und dem Wissen groß gezogen worden, alles zu können, alles zu werden und alles zu sein. Aber du musst fleißig sein! Du musst Abitur machen um zu studieren, sodass du später ja einen gut bezahlten Beruf ergreifen kannst, der dich erfüllt. Nur wenn du gute Noten hast und dich anstrengst, kannst du dich selbst verwirklichen. Du musst viel Geld verdienen um einen hohen Lebensstandard aufrechterhalten zu können. Wenn du genug Geld hast, kannst du dir auch alles leisten, was du dir kaufen möchtest, du musst dir deine Freizeit optimal gestalten und jede freie Minute für dich selbst ausnutzen. Außerdem musst du ein paar Mal im Jahr in den Urlaub fahren können, denn nur dort kannst du dich erholen von dem ganzen Alltags- und Berufsstress… Moment mal! Erholen? Wo der Job doch meine Erfüllung schlechthin ist und ich mich doch so schön selbst verwirklichen kann? Wo ich doch mit all dem Geld, dass ich mit meinem erfüllenden und gut bezahlten Job verdiene, alles leisten kann, was mein Herz begehrt?

 

Man mag es glauben oder nicht, im Angesicht der Tatsache, dass meine Generation und vor allem die nachfolgenden Generationen zu unsäglichen Egomanen erzogen wurden, wir leiden unter massivem Stress und unsäglichem Druck. Irgendwoher muss ja dieser explosionsartige Anstieg von Krankheiten wie Burn-Out und Depressionen kommen. Von klein auf mussten wir immer die besten sein, die schnellsten, die ersten. Wir müssen individuell sein, bestimmte Standards erfüllen, um im sozialen Gefüge geduldet zu werden. Man darf nicht alles sagen, was man möchte, sondern muss so manches Mal seinen Mund halten um nicht ausgegrenzt zu werden. Einerseits soll man sich immerwährend von der Masse abheben, herausstechen und etwas Besonderes sein, andererseits fortwährend mit der Herde gehen um nicht zurück gelassen zu werden.

 

Klingt das für Sie nach Glück?

 

Für mich nicht. Ich habe mir Nächte um die Ohren geschlagen ob dieses Themas und intensiv darüber nachgedacht, was für mich persönlich Glück ist.

 

Gestern Nacht hat es Klick gemacht und endlich konnte ich wieder normal schlafen (ein Glück!).

Für mich ist Glück eine absolute innere Zufriedenheit. Unabhängig von den äußeren Umständen, von den Menschen, mit denen man verkehrt (verkehren muss?), von den Dingen, die man angeblich haben und kaufen muss. Mal ehrlich: in jeder Werbung wird uns doch im Endeffekt vorgegaukelt, man muss dieses und jenes kaufen um glücklich zu sein. Doch meist füllt dies nur eine innere, unerklärliche Leere, die umso schneller wiederkehrt.

 

Doch wie erreicht ein Mensch diese innere Zufriedenheit? Ich weiß nicht, ob es Ihnen aufgefallen ist. Aber in dem obigen Text ist sehr oft das Wörtchen „muss“ in den verschiedensten Konjugationen vorgekommen.

Wir müssen dies und jenes um glücklich zu sein. Wir müssen jedoch auch oft genug Dinge tun, auf die wir im ersten Moment keinen Einfluss haben, ohne meist negativen Konsequenzen ausgesetzt zu sein. Und noch viel öfter machen uns diese Dinge nicht glücklich. Oder zahlen Sie gerne Zwangsabgaben wie die GEZ obwohl Sie die Programme nicht mal im Fernsehen verfolgen?

 

Für mich ist eines klar geworden. Reines wahres Glück hat man nur dann, wenn man die absolut freie Entscheidung hat, nicht mehr zu müssen, sondern nur noch zu wollen. Und nur dann kann man eine totale innere Zufriedenheit erfahren, ohne Zwang.

 

 

 

PS: Ein schlauer Fuchs würde nun verschmitzt fragen: Wenn ich glücklich sein will, kann ich mich dann nicht einfach dafür entscheiden, glücklich zu sein?

 

 

Carina Hein, 19.04.2017

 

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